GALERIE capturesix

«Colorfence»

von Heinz Gasser


Juryliebling von Nadine Wietlisbach im Monat August

« Das Bild «Colorfence» verwirrt – zuerst bleibt der Blick an den farbigen Schreibutensilien hängen. Aufgereiht wie von Kinderhand? Die Farben kommen in Paaren, die Stifte sind unterschiedlich lang, aber Gelb, Blau, Rot, Orange und Grün sind im Duo auf die exakt selbe Länge „heruntergemalt“. Die Konfusion geht noch ein Stück weiter, die Massstäblichkeit der vorderen Bildebene korreliert nicht mit der hinteren. Sind die Farbstifte in Originalgrösse so platziert, dass sie grösser wirken? Oder sind es tatsächlich Elemente eines Gartenzauns, die gestaltet wurden?
Wenn man seinen Augen nicht traut, meldet sich das Gehirn: Etwas zwischen den äußeren und inneren Bildern kann nicht in Einklang gebracht werden. Die Fotografie spielt mit diesen Verschiebungen, seit klar ist, dass sie weit mehr kann als abzubilden.  Illusionen entstehen, wenn unser Gehirn versucht, die Zukunft zu erkennen, das Ergebnis aber nicht mit der Realität übereinstimmt – das erklärte der in der computergestützten Hirnforschung tätige Kognitionswissenschaftler Mark Changizi 2009. Wir Menschen können für den Bruchteil einer Sekunde in die Zukunft sehen. Dieser Effekt ist auch als neuronale Verzögerung bekannt. Wenn Licht auf die Netzhaut unseres Auges trifft, dauert es etwa eine Zehntel Sekunde, bevor unser Gehirn das Signal in eine dreidimensionale Umgebung übersetzt. Changizi hat darauf aufbauend herausgefunden, dass unser Gehirn versucht, diese neuronale Verzögerung zu kompensieren. Dabei produziert es Bilder von dem, was in einer zehntel Sekunde in der Zukunft passieren könnte. In der Fotografie lässt sich beispielsweise der Vertigo-Effekt einsetzen. Mit unterschiedlichen Brennweiten kann das relative Verhältnis von Vordergrund zu Hintergrund variiert werden. Zum Beispiel hält man ein Motiv mit 18mm Brennweite fest: Wenn man sich aus dem Vordergrund bewegt, bleibt das festgehaltene Objekt gleich gross. Mit zunehmender Brennweite stellt man fest, dass bei gleicher Grösse des Vordergrundobjekts das Hintergrundobjekt immer weiter nach vorne zu rücken scheint – der Abstand zwischen beiden Objekten wird optisch kleiner. »

- Nadine Wietlisbach